Schottland

Eine wie Edinburgh - und dann: die Shetlands!

Text und Fotos: Katharina Büttel



Sie hat einfach alles, meint nicht nur Krimiautorin Lynn Anderson. Auf einem literarischen Spaziergang durch Schottlands schaurig-schöne und hochkreative Hauptstadt zeigt sie uns ihre Highlights und entlässt uns schließlich in den hohen Norden – ein guter Tipp für Besucher auch nach der Olympiade.

 

          Der Andrang im Literatur-Center des John Knox House in der Altstadt ist kein Zufall. Dort eine der Top-Krimiautorinnen des Landes zu treffen auch nicht. Nicht jedermann weiß, dass Edinburgh die Literaturstadt schlechthin ist. Seit 2004 ist sie sogar die erste UNESCO-Literaturstadt der Welt und noch dazu Pionierin in einem weltweiten Netzwerk der kreativen Städte mit Unesco-Status. Das verspricht einiges.

          Lynn Andersons Thriller spielen ausnahmslos in der Metropole, „die einfach alles bietet und eine fantastische Inspiration für einen Schriftsteller ist", behauptet sie und will die Gruppe als Erstes für das „alte, steinerne Edinburgh" begeistern. Wo könnte eine Autorin mit dem Spaziergang besser beginnen als auf der altehrwürdigen Royal Mile, wo schon die legendären Conan Doyle, Erfinder von Sherlock Holmes, und Robert L. Stevenson – Verfasser des meistgelesenen Abenteuerromans einer jeden Jugend, der „Schatzinsel" - nach ihren Protagonisten suchten?

          Die Vorzeigemeile verläuft vom Castle, dem historischen Highlight, den Schlossfelsen in gerader Linie hinab bis zum Parlamentsgebäude und weiter zum Holyroodhouse, dem schottischen Amtssitz der Königin, einst Haus von Maria Stuart, Mary Queen of Scots, wie sie hier heißt. Es ist eine Meile nur, aber ein totales Erlebnis: auf beiden Straßenseiten sieht man jede Menge stilvolle Architektur, qualitativ hochwertige Schottenmode-, Cashmere- und Kilt-Läden, Pubs, Restaurants, die St. Giles Cathedral und Museen. In seinem Roman „The Fanatic" hat James Robertson dieses wuchtige Gebilde mit dem engen Gewirr von Treppenwegen und Steinschluchten wunderbar atmosphärisch beschrieben.

          „Closes" – die Finstergänge in der Altstadt

          Die Altstadt liegt wie ein Fischgerippe auf dem Berg – die Wirbelsäule ist der Bergrücken mit der Royal Mile, die Gräten sind die links und rechts den Berg hinab laufenden Gassen. Die schlendern wir hinunter, unter Flaneuren, und stehen bald vor einem der vielen Finstergänge. „In den sogenannten „Closes" gibt es Nischen und Räume, in denen schnell mal jemand verschwinden kann, quasi eine dunkle Unterwelt, die für Krimis außerordentlich interessant ist. Das Schreiben im „Dunklen" ist typisch schottisch", schmunzelt Lynn verschwörerisch und geht in dem schmalen Gang furchtlos voran. Der ‚Platz der Schreiber' vor dem Gerichtsgebäude ist mit Erinnerungssteinen an große Literaten gepflastert. Das Writers' Museum im Lady Stair's Close gleich um die Ecke vollgestopft mit Andenken an Robert Furgusson, Stevenson, Robert Burns – den „schottischen Goethe" – und natürlich Sir Walter Scott; Generationen von Europäern haben seinen „Ivanhoe" verschlungen. Wohl kein anderer als er, 1771 in Edinburgh geboren, rief ein weltweites Interesse an Schottlands Geschichte und Sprache hervor. Zeit seines Lebens wurde er als Genie und als Bewahrer der schottischen Literaturtradition verehrt. „Scott feierte Schottland und seine Menschen, vielleicht wurde er deswegen so eifrig gelesen in ganz Europa", sagt Lynn vor der Nationalbibliothek, der zwölftgrößten der Welt. „Die Bücher hier würden eine Brücke ergeben bis zur Halbinsel Nova Scotia – dem Neuschottland an der Ostküste Kanadas".

          Eine Litera-Tour beginnt (oder unterbricht) man am besten mit einem guten Essen und ein wenig Alkohol. Also führt unser Weg weiter ins ‚Scottish Café' in der National Gallery of Scotland neben der Royal Academy mitten in der Parkanlage Princess Street Gardens. Beide Gebäude unterstreichen in ihrer griechischen Tempelarchitektur den Anspruch, das „Athen des Nordens" zu sein. Harry Potter-Fans würde es sicherlich eher ins gemütliche „Elephant House" an der George IV Bridge ziehen. J. K. Rowling soll dort mit dem Schreiben begonnen haben. Die winzigste - und die ursprünglichste - Kneipe Edinburghs, die Oxford Bar, versteckt sich in der Young Street. Bekannt ist sie durch Krimiautor Ian Rankin, der hier seinen Kommissar John Rebus Zuflucht finden lässt. Wenn man Glück hat, trifft man Rankin hier bei einem Pint of Bitter oder einem Glas Benromach-Whisky persönlich.

          Rot-weiße Doppeldecker schieben sich in einer nicht enden wollenden Karawane in beiden Richtungen durch die Straße, Menschentrauben wogen hin und her, es herrscht drangvolle Enge in der Princess Street. Aber: Kein Boulevard der Welt bietet eine derart imposante Aussicht. Die Einkaufstempel ziehen sich nur an einer Straßenseite hin; zur anderen, oberhalb einer herrlichen Parkanlage, erhebt sich die kolossale, graue Altstadtsilhouette mit unzähligen Schornsteinen und dem wehrhaften Schloss.

          Nach Schulschluss am Nachmittag kann man hier Jungen und Mädchen aus den verschiedenen Schulen an ihren Uniformen erkennen: Die unterschiedlichen Muster der Kilts haben lange Tradition. Und unweit des kirchturmhohen neogotischen Scott-Denkmals steht garantiert immer ein Dudelsackspieler, der unverdrossen „Scotland the Brave" pfeift und natürlich auf ein Pfund ins Körbchen hofft. Spendenfrei dröhnt dagegen schottische Folk-Music aus allen Souvenirläden der Shoppingmeile.

          Imposante Architektur aus georgianischer Zeit in der Neustadt

          Vornehmer geht es in der George Street auf dem gegenüberliegenden Hügel in der Neustadt zu. An die zehn Stockwerke hohe Gebäude aus Granit aus georgianischer Zeit kleben am Hang, die Royal Bank of Scotland mit ihrer mächtigen Kuppel ragt stolz aus diesem Häusermeer. Der Edinburgh-Besucher spürt die Topografie der hügeligen Stadt als Muskelkater bald in den Waden. Es geht einfach ständig bergan und bergab. Wow! Hier oben flaniert man an den feineren Boutiquen vorbei, an Banken und Restaurants hinter prächtigen Fassaden, Regelmaß, Proportion, Harmonie und Gleichklang – all das charakterisiert die Neustadt mit ihren Sandsteinfassaden und den hohen Fenstern seit mehr als 200 Jahren. „Klassisch elegant wirkt das alles und keineswegs museal, aber es ist kein Ort für Krimiautoren", lacht Lynn Anderson und geht ein paar pflasterschwere Schritte weiter. „Seht, von hier aus kann man bei gutem Wetter bis hin zum Firth of Forth blicken.

          Edinburgh ist keine wirklich maritime Stadt, doch die Möwen, die Wolkenberge und der ewige Wind lassen einen die See nicht vergessen. Die erleben wir hautnah nach einem knapp zweistündigen Luftsprung

          auf dem Archipel der Shetland Islands

noch nördlich der Orkneys. Diese Luft! Wie Samt und Seide. Neben der spektakulären Lage mit rauher Küste, dramatischen Klippen, schönen Sandstränden locken besonders eine artenreiche Flora, eine unglaubliche Vogelwelt, prähistorische Stätten, authentische Dörfer, herzliche Menschen. Deren Dialekt allerdings, man muss es erwähnen, ist selbst für Muttersprachler mitunter schwer zu verstehen. Das sind Parallelen zu Irland. Ebenso die Landschaft, mit sanften Hügeln, hypnotisierendem Grün und grauen Steinzäunen. Das ist die Heimat der Heerscharen von „chocolate cheaps", den Shetland Schafen und den putzigen, zotteligen Ponys.

          Shetlander sind kreativ und gastfreundlich

          Shetlander, wie wir sie trafen, waren allesamt Charaktere, und was für welche! Inspiriert von ihrer Umgebung zeigen sie kreative Begabung im Schreiben, im Erzählen von Geschichten, in der Folklore und in ihrer traditionellen Musik, im Kunsthandwerk. Bei Hazel Tindall zum Beispiel, Weltmeisterin im Stricken, können Touristen stricken und weben lernen nach traditionellen Shetland-Mustern – die sind im Moment wieder ganz en vogue. Fiddler begleiten Marias Folk-Tanzkurse, Inselmusiker organisieren Sessions, Festivals mit Künstlern von Weltklasse, spontane Konzerte. „Zu den Shetlandern kommen aber auch Besucher, um abzuschalten. Man jagt, angelt, trinkt guten Whisky, erzählt von alten Zeiten, Riten und Mysterien – und, was früher kaum möglich war: man isst gut", erzählt Begleiterin Johanna. Lamm, das mit Seegras gefüttert wird, Schellfisch, die Blutwurst „black Pudding", Filet vom Galloway-Rind und zum Dessert „Eaton Mass", eine süße Früchte-Sahne-Pyramide. Besonders fein schmeckt die Butter Tarte mit Bladnoch Whisky-Eiscrème.

          Kaum Menschen trifft man in der kleinen Hauptstadt Lerwick, wo 7500 Einwohner leben. Und es kann vorkommen, dass man am Abend allein ist in der historischen Altstadt inmitten der Gassen, auf dem kleinen Marktplatz. Leise ertönt aus einem der Pubs Violinmusik. Nur ein Liebespaar lehnt an der Säule in der Mitte und lauscht verträumt den Klängen. Es ist Tradition, dass man sich hier zum ersten Rendezvous verabredet. Im Abendlicht verbreiten die Fassaden der düsteren Steinhäuser und der nur einen Steinwurf entfernte kleine Hafen einen ganz besonderen Zauber. Zeit für einen guten Whisky, am besten einen alten Single Highland Malt aus der Glengoyne Distillery...

Service „Edinburgh"

Anreise: KLM fliegt von Berlin-Tegel über Amsterdam nach Edinburgh. Näheres unter www.klm.com

Übernachten: In Edinburgh perfekte Lage und geschmackvolle Zimmer im „The Bonham", www.townhousecompany.com/thebonham;

auf den Shetlands nahe Lerwick-Airport das „Sumburgh Hotel" mit warmer Atmosphäre, www.sumburghhotel.com;

in Lerwick ist das „Kveldsro House Hotel" das luxuriöseste der Shetland Inseln, www.shetlandhotels.com;

nahe der Buchstadt Wigtown das „Selkirk Arms Hotel" in Kirkcudbright, www.selkirkarmshotel.co.uk;

eins der feinsten Landhotels Schottlands „Dunblane Hydro" unter www.doubletreedunblane.com

Kunsthandwerk: Auf den Shetlands findet man unter www.island-trails.co.uk alle Möglichkeiten, die Inseln und deren Bewohner ‚zu entdecken'. Shetland Designer unter www.shetlanddesigner.co.uk; Wollbörse unter www.shetlandwoolbrokers.co.uk; lokales Kunsthandwerk sieht man im Shetland Croft House Museum auf dem Mainland.

Schokoladenherstellung und Kurse in „The Cocoabean Company", www.thecocoabeancompany.com;

Robert Burns Geburtshaus-Museum in Alloway, www.burnsmuseum.org.uk;

Festivals: 2012 ist das Jahr von „Creative Scotland" mit Weltklasse Literaturfestivals (besonders in der Buchstadt Wigtown), Kunst, Architektur, Design und Kunsthandwerk.

Näheres: www.visitscotland.com/de

Das Buch zur Reise