Russland

 

Auf Russlands Wasserwegen von Moskau nach St. Petersburg
Text und Fotos: Heidrun Lange

 

 

 

          "Mütterchen Wolga", sagen die Russen zum längsten Fluß Europas, der in den Waldai-Höhen entspringt und ins Kaspische Meer mündet. Früher fuhren die Zaren am Fluss entlang, und wo sie Rast machten, ließen sie prächtige Paläste bauen. Moskau ist ein guter Startplatz für die Flussfahrt, und der Rote Platz ist leicht zu finden, obwohl es in der russischen Hauptstadt Hinweisschilder nur in kyrillischer Schrift Schrift gibt. 

            Seit dem 16. Jahrhundert ist er Mittelpunkt, genutzt für Märkte und Paraden. Hinter den mächtigen Kreml- Mauern, dem Amtssitz von Präsident Putin, ragen prachtvolle Kathedralen mit goldenen Kuppeln empor. Gegenüber im weltberühmten Kaufhaus GUM, entstand auf vier Ebenen das größte Shopping-Center Europas. Jetzt ist alles vom Feinsten: Marmor, Granit, Messing, Glaskuppeln. 122 Läden, Cafés und Restaurants soll es hier geben. Immer noch stehen Touristen am Lenin-Mausoleum Schlange, um einen Blick auf den Gründer der Sowjetunion zu werfen. Der Andrang ist freilich nicht mehr so groß wie in sozialistischen Zeiten. In der Nachmittagssonne leuchten die Zwiebeltürme der Basilius- Kathedrale.       

           Abends heißt es Leinen los im Flusshafen. Das Schiff gleitet aus der Stadt hinaus auf den Moskwa- Wolga- Kanal, passiert Stauseen und Schleusen. 3500 Kilometer lang ist die Wolga von der Quelle bis zur Mündung. 1600 Kilometer von der Hauptstadt bis nach St. Petersburg fährt die "Tschitscherin" durch weite Landschaften, vorbei an Klöstern, Palästen und stillgelegten Industriekombinaten.  Irgendwann bleiben die baumbestandenen Ufer zurück, die Wolga wird zum See. Aus dem Wasser ragt der Glockenturm von Kajasin. Er erinnert als Einziger noch an die 1941 in den gestauten Fluten versunkene Stadt und dient seitdem als Navigationshilfe und als begehrtes Fotomotiv. Einige wenige Fragmente des Klosters liegen heute im Architekturmuseum des Moskauer Donklosters.  In den 30iger Jahren des vorigen Jahrhunderts begannen die Arbeiten zum Stau der Wolga. Die sollte auf der ganzen Länge schiffbar gemacht und die an der Wolga liegenden Städte sollten mit Strom versorgt werden. Acht Stauseen sind entstanden, der größte davon der Kujbytschew-Stausee hat eine Länge von 580 Kilometern. 

           Uglitsch, die Kleinstadt mit rund 38 000 Einwohnern im "Goldenen Ring", kommt in Sicht. Nahe der Wolga steht der Kreml. Aber nicht die Kathedrale, sondern die kleine Dimitri- Blut- Kirche mit ihren fünf blau- goldenen Kuppeln zieht die Blicke an. Ganz idyllisch liegt sie am Ufer und erinnert an den ungeklärten Tod des kleinen Zarensohnes Dmitri, der hier mit durchstochener Kehle gefunden wurde. Die Wandmalerei, einem Bilderbuch gleich, erzählt die dramatische Geschichte des siebenjährigen Sohnes von Zar Iwan dem Schrecklichen und des gesamten Dorfes, das für den Tod büßen musste. Wo die Wolga heute den riesigen Rybinsker Stausee verläßt, warteten einst die Treidler darauf, Kähne an Seilen aufwärts zu ziehen. An ihre harte Arbeit erinnern schwermütige Lieder. Die Musiker, die auf dem Schiff für Stimmung sorgen, singen immer und überall, aber keineswegs nur schwermütig. Quirlig und lebendig besingen sie die Seele Rußlands. 

           Das Beloserski- Kloster in Kirilow, einst eines der reichsten und berühmtesten, steht hinter Festungsmauern. In den Dörfern ringsherum schufteten 20 000 Leibeigene. Heute ist es ein Museum und zwei Mönche wohnen dort.  Weiter geht es über das "Rybinski Meer" und über den Wolga- Ostsee- Kanal Richtung Onega- See, wo das "Kleinod des Nordens" lockt. 200 Kilometer Überfahrt sind es bis zur Insel Kischi, deren Holzarchitektur zum Weltkulturerbe der Unesco zählt. Schon von weitem glänzen silbern die 33 Kuppeln der beiden Kirchen. Die Bauwerke entstanden ohne einen einzigen Nagel. Wenn nach dem Rundgang wieder alle an Bord sind, peilt das Schiff den Fluss Swir im Südwesten des Sees an. In Sicht kommt der Ladogasee, der größte Europas, über 30 mal so groß wie der Bodensee.

           In Richtung St. Petersburg genießen wir an Deck den scheinbar immer währenden Tag, die Zeit der "Weißen Nächte". Im sanften Dämmerlicht geht es weiter über die Newa nach St. Petersburg. Wie in jeder Großstadt drängen sich die Fußgänger vorbei an Palästen, in die Erimitage und Museen. Sie lustwandeln über den Schlossplatz oder besuchen eines der vielen Theater. Alle Gebäude sind nur wenige Stockwerke hoch. Eine Verordnung des Zaren verbot, Häuser zu bauen, die höher waren als der Palast. Um das Stadtbild zu erhalten wird sie noch heute befolgt. Eine Ausnahme gibt es nur für Kirchen und Kathedralen. Ihre goldenen Türme und Kuppeln überragen die Häuserfassaden. Im Katharinenpalast, einen Steinwurf von St. Petersburg entfernt, erzählt die Reisführerin die Geschichte der Zarenfamilie. Sie erzählt von Macht und Intrige, von Pracht, Kraft und Verfall: Von Iwan dem Schrecklichen, Peter dem Großen, Zarin Elisabeth und Katharina II. Das berühmteste Zimmer der Welt, das Bernsteinzimmer, wurde zum 300.Geburtstag der Stadt rekonstruiert.

Auskunft:
Veranstalter von Flussfahrten: Nicko tours GmbH
Mittlerer Pfad 2
70499 Stuttgart
Telefon.: 0711 / 2 48 98 00, Fax: 0711 / 24 89 80 77