Polen

...und abends einen Bärenfang

         Was tun gegen den Winterblues? Ermland-Masuren im Nordosten Polens wirbt mit Wellness in Schlössern und Burgen in stillschöner Landschaft. Und die neue Fluglinie nach Allenstein bringt einen bequem und schnell in den Kurzurlaub.

Text und Fotos: Katharina Büttel

 

          Symphonie in Weiß.

          Auf der Fahrt durch die endlosen Alleen schließen sich über uns die überzuckerten Zweige zu einem weißen Tunnel, bizarr gepuderte Kiefern und Tannen rahmen Dörfer, Bäche und Wanderwege. Sonnenstrahlen blitzen durch die Kronen der knorrigen Baumriesen und bringen das Land in der kalten und klaren Luft  zum Leuchten.

          Tags kalt, abends warm, so lieben es die Gäste der Mazury, von Masuren. Tags durch den Schnee, nachmittags im wohlig temperierten Pool. Welt- und stressentrückt in den Dämpfen von Myhrre und Kamille. Abends am knisternden Kaminfeuer, von innen gewärmt  von Tee mit „Strom“ - Wodka oder Rum – oder dem populären Honigschnaps – bis jetzt allerdings für einen Kurzurlaub schwer umzusetzen. Musste man doch nach Warschau oder Danzig fliegen, fast vier Autostunden von den Ferienzielen rund um die 3000 Seen entfernt,

oder lange Bahnfahrten in Kauf nehmen.

          Ein touristischer Aufwind, verbunden mit der Hoffnung auf eine Verlängerung der Saisons, weht über Masuren, seit nun die polnische Airline SprintAir dreimal die Woche Flüge von Berlin in die Woiwodschaft Ermland-Masuren anbietet. Sogar mit Bahnanschluss vom schick designten Flughafen Szymany in die 40 Minuten entfernte Hauptstadt Allenstein, Olsztyn. Von hier wie dort erreichen nun die Urlauber die großen Masurischen Seen und die westmasurische Seenplatte – Teil von ehemals Ostpreußen - in rund einer bis anderthalb Stunden. Mietwagen stehen am Flughafen bereit.

          Astronom Kopernikus lebte hier

          Ab Allenstein ist Reiseleiterin Joanna dabei, mit der wir das große Los gezogen haben. Sie spricht gut Deutsch, ist versiert in Geschichte und Geografie und gibt so manchen Geheimtipp. Wir spazieren durch die komplett restaurierte Altstadt - mit knapp 180.000 Einwohnern größte Stadt von Masuren, zugleich wirtschaftliches und kulturelles Zentrum. Gotische Giebelhäuser mit Arkaden säumen den Marktplatz, die Backsteinkirche St. Jakob ragt über die Dächer. Touristischer Anziehungspunkt ist natürlich das gotische Schloss, eine mächtige Wehrburg der Ordensritter aus dem 14. Jahrhundert. Es birgt heute das wichtigste Museum Masurens – mit Exponaten aus dem Leben von Nikolaus Kopernikus (1473-1543), der sechs Jahre lang als Kustos in der Burg residierte.

           Das leicht gewellte Land verzaubert. Vorbei an bunt geschmückten Holzkreuzen und Bildstöcken geht die Fahrt nach Lidzbark Warminski (Heilsberg). Wenn in der ruhigen Jahreszeit die Menschen sich rar machen, in den Lüften die Seevögel kreischen, öffnen die Hoteliers ihre Häuser für alle, die die Einsamkeit und Schönheit der Landschaft suchen, und bieten ihnen Wellness und Beauty.

          Besonders die Hotels der oberen Preiskategorie verwöhnen den Gast in ihren Bade- und Saunaoasen, lassen rund ums Thema Wellness kaum noch Wünsche offen. Das Burghotel Zamek Krasicki, im Herzen der Stadt zwischen den Flüssen Lyna und Symsarna gelegen, ist ein Juwel mit Geschichte. Dort, wo einst die Bischöfe von Ermland hinter gotischen und barocken Mauern residierten, verleben heute Jung und Alt unbeschwerte Stunden im ungewöhnlich ausgestatteten Hallenbad, im Jacuzzi, bei Fango oder Schönheitspflege in orientalischer, asiatischer Tradition. Der absolute Hit im Spa sind Beauty-Workshops für Frauen nach dem Motto „wie wird sie noch schöner“.

          Mit guter polnischer Küche verführen die Gastwirte

          Wer eine bescheidenere Unterkunft vorzieht, muss auf einen Wellness-Urlaub keineswegs verzichten. Wenn draußen der Wind von den Seen übers Land fegt, legt sich in der Badelandschaft oder in der Solegrotte der geschmackvoll ausgestatteten neuen Therme Warminskie wohlige Wärme wie ein Kokon um den Körper; einzig Zeit und Muße braucht’s zur Entspannung.

          Die Tage sind kurz, schon am Nachmittag versinkt die Welt in Dunkelheit. Dennoch bleibt genug Raum, die Reize der ehemals ostpreußischen Provinz im wahrsten Sinne auszukosten. Am Abend schmausen wir in der urgemütlichen, mit traditionellem Kunsthandwerk ausgeschmückten Gaststätte ‚Karczma‘ Piroggen, mit Fleisch oder  Quark gefüllt, Kartoffelkuchen und Zeppeline, Klöße mit Fleisch gefüllt. Zur Begrüßung gibts Quittenlikör Pigwowka, zum Essen schmeckt Swieze“, das regionale Bier. Getrunken wird hier übrigens alles, was selbstgemacht ist – Kirsch- und Himbeerlikör, Mohnschnaps, Wodka mit Honig und Pfefferminz. Danach läuft alles bestens - wird behauptet.

          „Ryn am Talter See“, erzählt Joanna, war früher eine der größten Burgen des Deutschritterordens. Heute ist der trutzige Bau ein stilvolles Vier-Sterne-Hotel mit großzügigem Spa-Bereich und guter Küche. Wir stehen in dem 900 Quadratmeter großen, überdachten Schlosshof und staunen. „Er ist der größte in ganz Europa mit Platz für tausend Gäste“, erklärt der Hoteldirektor stolz. „Auch unser kleiner 3000-Seelen-Ort wird Sie überraschen“, fügt er hinzu. Mit Mitteln aus EU-Töpfen hat er einen properen Anstrich bekommen, ist liebevoll saniert und ein guter Ausgangspunkt für viele Aktivitäten in einem Radius von nur einer Stunde Fahrt.  

           ‚Easy going‘ im Land der Seen und Schlösser

           Im „Land ohne Eile“, wie Schriftsteller Arno Surminski seine Heimat nannte, ist am Talcky Kanal der Beginn eines insgesamt elf Kilometer langen Wasserstraßengeflechts, das die nördlichen mit den südlichen Seen verbindet. Im Sommer ist die Moränenlandschaft ideales Terrain für Paddler, Segler und Kanuten. In der kalten Jahreszeit „fliegen“ Eissegler über den Boczne-See vor der Mündung in den Nigocin. Hier, in der Nähe von Gizycko, dem ehemaligen Lötzen, hat sich eine eingeschworene Eisseglergemeinde gebildet. Lässt es das Winterwetter zu, treffen sich die „Eisverrückten“ und pfeilen mit bis zu 100 Stundenkilometern über das Eis. Jeder, ob Jung oder Alt, Mann oder Frau, kann mitmachen. Die Bedingungen sind bestens – genügend Boote, gute Infrastruktur, gemütliche Unterkünfte. Ihre Begleiter vergnügen sich bei Kutschfahrten und Lagerfeuerromantik in den Wäldern oder wagen sich in die Langlaufloipen.

           Nach einer halben Stunde Wind und Kälte braucht man einen heißen Tee mit Wodka am lodernden Kamin im preisgekrönten, historischen „Schwarzen Schwan“ in Rydzewo. Am Abend serviert der Wirt regionale Küche mit eigenem Charakter, zum Beispiel Piroggen, diesmal gefüllt mit duftenden Waldpilzen.

            Zum Ausgleich für den milchigtrüben Winterhimmel von gestern brennt heute die Abendsonne ein grandioses Farbspiel ab. Durch die kahlen Äste glühen die Wolken feuerrot, die Kirchtürme ragen wie Scherenschnitte in den Himmel. Unterwegs sind wir zu Piotr Ciszek, neuem Hausherrn von Schloss Nakomiady. Das von ihm und seiner Frau über zehn Jahre wunderschön restaurierte Anwesen aus dem 17. Jahrhundert mit Park, Themengärten und Kachelmanufaktur liegt bei Ketrzyn, einst Rastenburg - zu ostpreußischer Zeit berühmt für seine Trakehner-Gestüte. Auch hier sind wir hochwillkommen - und wir sind gerne hier - zu Gast in Masuren, in Polen. 

 

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Service zu „Masuren“ in Polen

 

Anreise: Seit Januar 2016 ab Berlin mehrmals die Woche fliegt die polnische Airline SprintAir in ca. 1 Stunde nach Olsztyn-Mazury, Hin- und Rückflug ab ca. 80 Euro; Flüge ebenfalls nach Krakau. Buchungen: www.sprintair.eu

Einreise: Reisepass, der noch mindestens sechs Monate gültig ist.

Reisezeit: Das ganze Jahr über. Bunt und farbenfroh ist die Natur, das Kapital der Masuren, von Mai bis Oktober.

Unterkünfte mit Wellness-Angeboten:

Hotel Marina Club& Spa: ein prämiertes 5-Sterne-Haus traumhaft gelegen auf einer Landzunge mitten auf dem Wulpinskie See, 9 Kilometer von Olsztyn/Allenstein entfernt. Zwei Kilometer entfernt liegt ein 18-Loch-Golfplatz. www.hotelmarinaclub.pl

Das  4-Sterne-Hotel Krasicki wahrt den historischen Charakter: die Perle Ermlands war Sitz der ermländischen Bischöfe. Sehenswerte und prämierte Symbiose von „Architektur & Design“. E-mail: hotel@hotelkrasicki.pl; www.hotelkrasicki.pl

4-Sterne-Schlosshotel Zamek Ryn, gut gerüstet für Kinder, mit einem extra Gasthof direkt am Rynskie-See. E-Mail hotel@zamekryn.pl; www.zamekryn.pl

Privatschloss Palac Nakomiady (Eichmedien) von 1704; neun individuell gestaltete Zimmer mit Schlossambiente, ca. 50 Quadratmeter groß. Gemüse und Kräuter wachsen im Schlossgarten – angelehnt an den Barockgarten des Chateau de Villandry an der Loire.

e-mail: palac@nakomiady.pl; www.nakomiady.pl

Auskunft: Polnisches Fremdenverkehrsamt, Hohenzollerndamm 151, 14199 Berlin; Tel.:

030-2100920, e-mail: info.de@polen.travel; www.polen.travel

Wilde Verstecke für Wisent, Wolf und Wildpferd      

           Ostpolen: Auf der Storchenroute durch den letzten Urwald Mitteleuropas mit Besuch der Nationalparks Bialowieza, Narew und Biebrza.

Text und Fotos: Katharina Büttel

 

          Unbeweglich und aufmerksam mustern dunkle Augenpaare die Störenfriede. Dann senkt einer der zotteligen Kolosse von fast 800 Kilogramm seinen massigen Schädel mit einem Ruck, es sieht aus, als ginge er zum Angriff über. Vor seinen Nüstern wirbelt Staub auf, er stampft mit den Hufen auf dem Waldboden. Schon nach wenigen Metern bricht der Wisent-Bulle den Sturmlauf ab und verharrt vor den Gitterstäben eines Metallzauns. Der trennt die Wisente des Schaureservats im Nationalpark Bialowieza (NP) vom Besucher, der trotz Schutzvorrichtung mit Herzklopfen unwillkürlich zurückweicht. Europas größtes Säugetier streift normalerweise durch den Urwald von Bialowieza, jetzt zupft er hier vom süßlich-herb duftenden Marienbüffelgras. Ein Halm davon in jeder Flasche Wodka „Zubrowka“ macht seinen unverwechselbaren Geschmack. 

          Weil man diese urtümlichen Tiere – um die 450 frei lebende Exemplare sollen es sein -  im Wald von Bialowieza so gut wie nie erspäht, schuf die NP-Verwaltung das Schaugehege sowie das „Europäische Bisonzuchtzentrum“. Die dort lebenden Wisente und Tarpane - die schon im 18. Jahrhundert ausgerotteten Urpferde Europas - sollen bei Epidemien einen Neubeginn ermöglichen. Das Schutzgebiet Bialowieza ist mit 1500 Quadratkilometern fast doppelt so groß wie Berlin und liegt 220 Kilometer nordöstlich von Warschau in der Woiwodschaft Podlachien  – ein Drittel in Polen, zwei Drittel in Weißrussland. 1979 wurde der NP in die Unesco-Welterbeliste aufgenommen.

           Der Wisent ist Symbol Polens

           „Unser Wald ist der letzte natürliche Primärwald in Mitteleuropa, der Wisent das Symbol unserer Natur und unseres Landes“, sagt mit Stolz der pensionierte Parkdirektor und Forstwissenschaftler Czeslaw Okolow. Wir stehen auf dem Aussichtsturm des Naturkundemuseums im Schlosspark von Bialowieza, sehen Urwälder bis zum Horizont. „Die reichen bis nach Sibirien“!

           Bis in die Neuzeit diente der Urwald, die „Puszcza“ von Bialowieza den polnischen Fürsten als Jagdrevier. So ließ August der Starke als „König in Pohlen und Churfürst zu Sachsen“ am Eingang zum Palastpark die Ausbeute einer Jagdpartie vom 27. September 1752 auf einem Obelisken einmeißeln. Entstanden ist der 50 Hektar große königliche Park im englischen Landschaftsstil um die Jagdresidenz des Zaren Alexander III. im 19. und 20. Jahrhundert. Die brannte 1944 aus, der ehemalige Zarenbahnhof blieb übrig. Züge fahren hier schon lange nicht mehr vor, Gras wuchs über die Schienen, bis 2007 das Restaurant „Carska“ eröffnete und erste Gäste in den historischen, für Touristen elegant umgebauten Zugwaggons wohnen konnten.

          Dinieren im historischen Zaren-Bahnhof

          Nun heißt es: Aufsteigen und Platz nehmen auf den beiden Holzbänkchen der grün-gelb gestrichenen Draisine. In der Ebene kommen wir mit dem durch Muskelkraft betriebenen Schienengefährt flott und mühelos voran. Schnurgerade und leise geht es dahin durch die Wald- und Wiesenlandschaft, zwischen gelben Blumen und weißen Birkenhainen. Schweißtreibend ist die Rückfahrt, dann rollen wir im Zaren-Bahnhof „Bialowieza Towarowa“ ein und freuen uns auf ein „königliches“ Mittagessen im restaurierten Zaren-Restaurant. Drinnen fällt der Blick auf ein Portrait des Zaren Nicolai II., des letzten Romanoffs, der fünfmal hier war. Bei schönem Wetter sitzen die Gäste direkt an den Gleisen, unter grünen Sonnenschirmen, auf dem Bahnsteig. Eine eigenartige Atmosphäre; hier möchte man lange verweilen.

           Durchs Land der vollen Storchennester

           Im ruhig getrabten Tempo fährt Jurek die Pferdekutsche durch eine gesunde, harmonische Landschaft. Immer wieder Felder mit hohem Gras, Laubwaldgruppen und Birkenhaine. Hier und da drücken Storchennester vom Gewicht einer halben Tonne auf die niedrigen Häuschen. Die schönsten, größten Nester aber sehen wir am Schluss der Reise im „Europäischen Storchendorf Pentowo“, wo auf einem alten Gutshof an die 100 Störche - von 40 000 einheimischen - leben. Dorthin fährt man durch wenig besiedelte orthodoxe Straßendörfer wie Puchly, Soce und Trzscianka – durchs Land der „offenen Fensterläden“: Bauernhäuser in typischer Holzarchitektur im Bielsk- und Hainowska-Stil - hohe, geschnitzte Giebeldächer mit reicher Ornamentik, die Fenster in kunstvollen Schnitzwerkrahmen. Besonders hübsch die russisch-orthodoxen Kirchen in leuchtendem  Blau oder Grün und die Kreuze am Wegesrand.          

           Endlich gelangen wir durch hohe Holztore hinein in den Bialowieza Nationalpark. Das Licht ist gedämpft, Tageszeiten verschwimmen. Der Wald hier kann finster sein. Ganz weit oben stehlen dichte Fichtenkronen – sie werden bis zu 55 Meter hoch – das Blau des Himmels.

          Maria kennt das Staunen, die zweifelnden Blicke der Besucher: das ist doch kein Wald hier, das ist doch das Chaos! Die Mitfünfzigerin ist studierte Germanistin, seit 26 Jahren macht sie Führungen durch die Wildnis. Sie hilft, den Wald vor den Menschen zu schützen, achtet auf die Einhaltung der strengen Regeln. Und sie lässt mit ihrem unerschöpflichen Wissen Einheimische wie Touristen den Wald und sich selbst mit anderen Augen sehen.

          Der Urwald ist voller Leben

         „Natur Natur sein lassen, das war die Idee! Die Eichen, Linden und Hainbuchen, Kiefern und Fichten keimen, wachsen und vergehen dort, ohne dass der Mensch eingreift, und das seit 5000 Jahren“. Maria zeigt eine 700 Jahre alte Eiche, dann auf einen Zunderschwammpilz: „Der brennt wie Zunder; der rosa Seidelbast dort ist hochgiftig; drei bis vier rote Beeren können Menschen töten“!

          Je weiter wir auf dem Wanderpfad „Königliche Eichen“ – jede Eiche trägt den Namen eines polnischen Fürsten - in die  „grüne Hölle“ vordringen, desto wundersamer wird diese Welt: perfekt organisiert, komplex, symbiotisch. Wirr und verwoben, verstrickt und undurchdringlich erscheint der Wald, aber mit Chaos hat das auf einmal gar nichts mehr zu tun. Wir laufen und schauen, staunen über all die Stämme, die riesigen Wurzelteller, Moose – über 1000 Pflanzenarten gibt es hier. Farne werfen filigrane Schatten, über uns hämmert ein Buntspecht. Schwarze Käfer krabbeln aus dem verrotteten Stamm einer umgestürzten Eiche. Und die Tiere? Die machen, was sie wollen – der Wald ist nicht eingezäunt…

           Paradies für Zugvögel

           Ökologisch verbindet der Urwald auch die NPs Biebrza, Wigry und Narew, Polens „grüne Lungen“. Das Biebrza-Tieflandbecken mit 100 Kilometer Länge ist der größte Nationalpark; er besteht überwiegend aus unzugänglichen Sümpfen, Torfmooren, Wäldern und Feuchtwiesen. Ein Wasserlabyrinth von 45 Kilometern ist der Narew-NP bei Waniewo und ein Vogelparadies mit 203 verschiedenen Arten. Dem Besucher helfen hölzerne Laufstege und Brücken über das rauschende Riedgras, die morastigen Sümpfe; lautlos gleitet er per Boot, Floß oder Kanu über die Wasserflächen. Und im Winter und Frühjahr, wenn Narew und Biebrza die Täler überschwemmen, wimmeln die sumpfigen Flächen von Zugvögeln in wildem Geschnatter.                                                                              

                  
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Service: Polen-Podlachien

 

Anreise: z.B. fliegt AirBerlin von Berlin nach Warschau. Seit diesem November fährt wieder ein Zug ab Warschau in 2,5 Std. nach Bialystok, Hauptstadt Podlachiens. Ca. 200 Kilometer sind es auf der Schnellstraße S 8. In den Bialowieza NP sind es 90 Kilometer in südlicher Richtung bis Bielsk Podlaski, von dort auf der Landstraße Nr. 685 Richtung Weißrussland (Belarus) über Hajnowka bis Bialowieza.

Einreise: seit Eintritt in die Schengenzone 2009 kann jeder ohne Pass einreisen.

Unterkunft: In den Naturgebieten Ostpolens ist die Auswahl an Hotels und Pensionen begrenzt. Empfehlenswert in Bialowieza ist das schön restaurierte „Hotel Bialowieski“ mit neuem Wellnessbereich und gutem Essen; www.hotel.bialowieski.pl. Im Storchendorf Pentowo wohnt man in familiärer Atmosphäre auf dem Reiter-Gutshof „Pension Pentowo“. Überall im „Land der offenen Fensterläden“ werden Privatzimmer angeboten – DZ/F ab 20 bis 40 Euro. – Eine Nacht im Salonwagen des Zarenzuges im ehemaligen Zarenbahnhof von Bialowieza kostet ab 85 Euro, ein stilvolles Apartment dort im Wasserturm ca. 132 Euro. Man spricht Deutsch.

Sehenswert: Das Gebiet der NPs ist ideal für Radfahrer und Wassersportler. Es gibt Verleihstationen an den Hotels und in den Orten. Viele Wanderwege durchziehen die Schutzgebiete mit Aussichtstürmen für Ornithologen.

Auf der 412 Kilometer langen Storchenroute liegt die barocke Residenzstadt Tykocin. Ein Ort wie aus der Zeit gefallen: Denkmal des polnischen Nationalhelden Stefan Czarniecki, das rekonstruierte Schloss, die Kirche mit prächtiger Fassade und großartiger Orgel; Polens zweitgrößte Synagoge mit koscherem Restaurant „Tejsza“.

Bialystok nahe der  Grenzen zu Weißrussland, Litauen und Russland hat 300.000 Einwohner, 22 Hochschulen mit 50.000 Studenten. Der Vater der Weltsprache Esperanto, Ludwik Zamenhof, wurde 1859  hier geboren. Die Stadt war und ist multikulturell. Herzstück der Stadt ist der restaurierte barocke Branicki-Palast der mächtigen Familie Jan Klemens Branicki aus dem 18. Jh. Das restaurierte Zentrum zieren heute um den lebhaften Marktplatz pastellfarbene Häuser, Straßencafés, Restaurant, Geschäfte.

Nationalparks: Im NP Bialowieza gibt es außer dem Palastpark, dem Wisentgehege, das Natur- und Waldmuseum mit Gästezimmern; email: hotel@bpn.com.pl; Öffnungszeiten: das ganze Jahr hindurch von 9 bis 16.30 Uhr sommers; bis 16 Uhr winters.

NP Narew: Der Park ist 7350 ha groß, 1996 gegründet, umfasst das sumpfige Narew-Tal. Sein Reichtum sind Wasser- und Sumpfvögel. Paddelfahrten werden organisiert. Näheres:www.npn.pl

NP Biebrza-Flusstal: Größtes Sumpfgebiet in Mitteleuropa, 100 km lang. Fast 270 Vogelarten und ca. 700 Elche leben hier, über 1000 Pflanzenarten. Paddel-, Kanu- und Floßfahrten möglich. Näheres: www.biebrza-org.pl

Veranstalter: Spezialisten für Reisen nach Polen: Mare Baltikum Reisen, www.mare-baltikum--reisen.de; Panek Touristik, www.panek-touristik.de

 Informationen:

Polnisches Fremdenverkehrsamt, Hohenzollerndamm 151, 14199 Berlin;

Telefon: 030-210092-0; Fax: -14; info@polen-info.de; www.polen.travel/de

Vom geschäftigen Treiben ist auf dem Marktplatz kaum etwas zu spüren. Foto: Fremdenverkehrsamt Polen

Trompetensolo und ein Hauch Krakau

Text und Fotos: Heidrun Lange

 

 

          Zamosc ist eine der schönsten Renaissance-Städte Polens.

Bürgermeister Marcin Zamoyski schaut aus dem Fenster seines Rathauses. Es ist 12 Uhr mittags. Auf dem Großen Markt in Zamosc bildet sich eine Menschentraube und hört dem feierlichen Trompetenspiel zu, das vom 50 Meter hohen Rathausturm erklingt. Der Trompeter, mit einem rotem Umhang bekleidet, bläst in drei Himmelsrichtungen. Den Westen übergeht er, denn dort befindet sich die alte Königsstadt Krakau, das heutige Krakow. Die große und traditionell ungeliebte Konkurrenz. Die bis heute zelebrierte Abneigung besteht seit den Anfängen der südostpolnischen Kleinstadt. „Mit Krakau haben wir nicht viel am Hut. Unsere Stadt ist immer noch die Schönste", sagt Zamoyski, ein Nachkomme des ehemaligen Stadtgründers Jan Zamoyski. Dieser war Ende des 15. Jahrhunderts Sekretär des Königs, später Kanzler und dann Großkanzler. Nach seinem Studium in Padua lud er den Baumeister Bernardo Morando nach Polen ein, um eine Stadt als Festung, Kultur- und Handelszentrum zu bauen. Morando entwarf am Reisbrett was zu besichtigen ist. In die vormals bestehende gewaltige Festung schlug er fünf Tore, von denen alle noch erhalten sind. Für den „Salon" der Stadt plante er die große Piazza, flankiert von zwei kleineren Plätzen westlich und östlich davon.

         Zamosc ist eine Stadt, die sich am besten zu Fuß erkunden lässt. Der Bürgermeister lädt zu einem Spaziergang in die kleine, überschaubare Altstadt ein. Den zweiten Weltkrieg und die deutsche Besatzung hat sie ohne größere Schäden überstanden und zählt seit 1992 zum Unesco - Weltkulturerbe. Vor den eleganten Bürgerhäusern, die zum Teil wieder in altem Glanz strahlen und den großen quadratischen Marktplatz säumen, bleibt er stehen. Lindgrün, safrangelb, sienarot und azurblau erstrahlen die Fassaden. Über dem zweiten Stock strecken sich Giebel mit feinen Türmchen in die Höhe. Pflanzenornamente, Arabesken, Heiligenbilder, der Erzengel Gabriel und ein geflügelter Drache schmücken die Domizile der ehemaligen Kaufleute und geben jedem von ihnen ein eigenes Gesicht. Aber nichts wirkt starr und behäbig. Weit weg ist die Welt der armenischen Getreide- und jüdischen Holzhändler, der deutschen Kaufleute, die einst am Platz gewohnt haben. Jugendliche knattern mit ihren Mopeds über das Pflaster. In der Mitte des Platzes kein Denkmal, kein Brunnen, nur ein Blumenbeet von einem Betonsockel eingefasst. Auf ihm sitzen Studenten und plaudern. Auf dem Marktplatz hat Rosa Luxemburg ihre ersten Schritte gemacht. Eine kleine Plakette erinnert in der Staszica Straße 37 an die Arbeiterfunktionärin. In der Straße Bernardo Moranda findet sich ein Musterhaus des Architekten, nach dessen Vorbild die Gebäude geschaffen wurden: einheitlich zweistöckig mit Bogengängen im Erdgeschoss und gekrönt mit reich geschmückten Giebeln.

         Und überall wird die Familiengeschichte der Zamoyskis erzählt: Hinter jeder Ecke stößt man auf ein Ölgemälde eines Mitglieds. Die Ähnlichkeit mit dem heutigen Stadtoberhaupt ist unverkennbar. Vor dem Denkmal des Stadtgründers bleibt der Bürgermeister stehen und schaut ehrfurchtsvoll nach oben. „Er war nicht nur ein Baumeister, sondern er war der zweithöchste Feldherr nach dem König, der sein Können in zahlreichen Schlachten unter Beweis stellte." Die Büste ist moosbewachsen, doch die buschigen Augenbrauen strahlen und der zottige Schnurrbart wirkt kraftvoll. Im Rücken der Bronzefigur steht das ehemalige Schloss. Offenbar wendet der Stadtgründer seinen Blick von dem Gebäude ab. Zu Recht, wie es scheint, denn fast nichts mehr erinnert an den alten Glanz. Heute nutzen Gerichtsbehörden das Schloßgebäude. Einheimische aus der Umgebung lehnen an der Mauer und reden. Sie warten vor dem Eingang auf ihren Prozeßtermin. Zwei schmale Treppenhäuser führen in die oberen Stockwerke. Statt Kronleuchtern und Kandelabern leuchtet kaltes Neon den Weg zu Amtszimmern mit Aktenschränken, Computern und Gummibäumen.
Ein paar Gassen weiter fällt ein Gebäude ins Auge. Es ist zweistöckig wie die umstehenden Häuser, aber weit prachtvoller verziert als die anderen, ein kleiner Vorplatz hebt es zudem von der Straße ab, die ehemalige Synagoge. Sie beherbergt heute die städtische Bibliothek.
          Touristen in überschaubarer Zahl laufen die Arkaden entlang und entspannen unter den Sonnenschirmen der Cafés am Großen Marktplatz. Es wird wieder gebaut in Zamosc. Nicht so großflächig wie zu seiner Gründerzeit, aber so, dass der Spaziergänger immer wieder auf Absperrungen stößt und auf Gassen mit aufgerissenem Straßenpflaster. Anders als damals ist der Geldgeber kein vermögender Großadliger, sondern die Europäische Union.

 

 

 

 

Auskunft:

Anreise:
Der Flughafen Warschau ist der beste Ausgangspunkt für eine Reise nach Polen. Von dort geht es mit dem Bus oder der Bahn nach Zamosc. Lufthansa oder die polnische Airline LOT fliegen ab allen größeren Flughäfen nach Warschau. www.lufthansa.com oder: www.LOT.com

 

Unterkunft:
Einfaches Gästezimmer ab 30 Polnische Zloty (ca 7.50 Euro) oder Fünfsterne Hotel ab 400 Polnische Zloty (100 Euro)pro Nacht

 

Geld:
In Polen bezahlt man mit Zloty, 1 Euro entspricht 3,99 Polnische Zloty

 

Allgemeine Informationen:
Nach Polen kann man über das ganze Jahr reisen. Es gibt genug Abwechslung. Entweder man besucht Städte wie Zamosc, wandert durch das Gebirge oder leiht sich ein Rad.

Weitere Auskünfte:
Polnisches Fremdenverkehrsamt: www.polen.travel

 

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