Tansania

Das schafft nur das Auge

Text und Fotos: Katharina Büttel

 

Tansania: Gnus zu Tausenden bis zum Horizont, Raubtiere zum Sundowner am Wasserloch. Safaris in den endlosen Weiten der Serengeti bieten das Abenteuer Wildnis - bei höchstem Komfort.


         Der Tipp kam von Rob, Manager der Manor Lodge bei Arusha. Auf einem Hochplateau am Ngorongoro-Krater ist heute Festtag der Massai, einer der vielen Volksstämme, die in Tansania leben.
Die jungen Frauen tragen Blau, die Krieger Rot. Die Frauen fangen an zu tanzen, bewegen nur die Oberkörper. Die Scheiben aus Perlen und Leder, die sie um den Hals tragen, wippen auf und ab. Die Bewegungen werden schneller. Die Scheiben schlagen auf die Brüste. Jetzt tanzen auch die Krieger. Sie springen in die Luft, ziehen sich an ihren Speeren in die Höhe. Ihre Freundinnen lächeln. Die besonders hübsche Oni bewegt sich langsamer, sie dreht sich, mustert die Besucher aus Europa. Die Blicke treffen sich. Gänsehaut. Ein tiefer Einblick in eine fremde, ferne Welt, in die afrikanische Seele - für Sekundenbruchteile.
           Von der Hochebene schaut man hinunter ins achte Weltwunder: den Ngorongoro-Krater. Ein Naturjuwel, so weit, so majestätisch, dass einem die Worte ausgehen. Zwanzig Kilometer ist er breit, der größte nicht mit Wasser gefüllte Vulkankrater der Erde, einen halben Kilometer fallen die Wände in die Tiefe, Regenwald krallt sich daran fest, Lianen quellen kaskadenartig bis auf den Grund. In der Mitte glitzert der Magadi-See, aus dem sich gerade ein rosa Schleier löst - ein Schwarm aufsteigender Flamingos. Eine Herde von Kaffernbüffel, die am Seeufer entlang zieht, wirkt aus der Ferne wie eine Armee von Ameisen..
           Es ist eine der gewaltigsten Landschaften dieses Planeten, seit 1978 Unesco-Weltnaturerbe. Eine Region wie vor unserer Zeit. Heute ist es der Lebensraum für Löwen, Gnus, Zebras, Büffel, Nashörner und Leoparden. Dazwischen rollen Jeeps. Ohne die Mission von Bernhard Grzimek, Zoodirektor und Tierschützer in den fünfziger Jahren, und seinem Oscar-prämierten Kinofilm „Die Serengeti darf nicht sterben", würde es vermutlich das Paradies im Kratergrund nicht mehr geben.


           Ein neuer Tag; also auf in Richtung Serengeti! Schon verschluckt uns der dunkle Regenwald an den Flanken des Vulkans. Der Weg führt zunächst durch grünes Samthügel-land, vorbei an Dörfern der Massai und der Olduvai-Schlucht, wo die britische Anthropologin Mary Leakey vor gut 30 Jahren die in vulkanischer Asche erhaltenen menschlichen Fußab-drücke von drei Vormenschen fand - 3,7 Millionen Jahre alt. Hier also, am Afrikanischen Grabenbruch, steht die Wiege der Menschheit.
           Bald wird das Land staubtrocken und dürr. Ein Schlagbaum kennzeichnet den Eingang in den berühmtesten aller Wildparks. Rob und Fahrer Isaiah erledigen die Registrierung. Denn nur eine bestimmte Anzahl von Besuchern darf den zaunlosen Nationalpark besuchen. Zu sensibel ist Flora und Fauna der Serengeti. Der Name bedeutet in der Sprache der Massai nichts anderes als endlose Ebene. Gelbe Grassavanne, Bäche, Flüsse, die Kopjes ragen aus dem Gras, Granitfelsen, die tatsächlich aussehen wie Köpfe. Ein Akazienwald - und plötzlich stehen sie da, all die Tiere Afrikas - Gazellen zwischen Gnus, Zebras und Antilopen, Giraffen zupfen an saftigen Blättern. Jede Tierart weidet an anderen Pflanzen. Hyänen schleichen um die Tiere, Geier kreisen am Himmel. Langsam fährt der Jeep mittendurch auf dem Weg zur Unterkunft für die nächsten zwei Tage, der Bilila Lodge.
           Luxus der Extraklasse bietet das im letzten Jahr eröffnete Edeldomizil inmitten der afrikanischen Wildnis. Mit 60 Zimmern, 12 Suiten und zwei Privatvillen ist es zwar die größte Anlage im Unesco-geschützten Nationalpark. Jedoch passt sich die Lodge in Farbgebung und Architektur sensibel der Landschaft an. Drinnen elegante, im Kolonialstil modern designte Möbel aus Holz, dazu edle Naturstoffe in warmen Tönen der Savanne. Leichte Verwöhnküche von morgens bis abends, im gesamten Ressort angenehme dienstbare Geister. Draußen atemberaubend schön die Lage mit geradezu biblischen Panoramen. Ein idealer Platz für Leute mit unstillbarer Safari-Sehnsucht und Hemingway-Feeling. Der gute alte Hem war es ja, der uns die schönsten Afrika-Fieberschauer der Literaturgeschichte beschert hat.
           Auf den Terrassen stehen Ferngläser für Tierbeobachtungen, die einen an alte Kolonialzeiten erinnern. Schließlich ist Tansania Teil der kurzen deutschen Kolonial-geschichte und hieß von 1885 bis 1918 „Deutsch-Ostafrika". Was jetzt fehlt, ist eigentlich nur noch ein Sundowner. Ah, da kommt der Butler schon. Lächelnd, ohne Hektik bittet er an die offene Bar nah am Pool mit Blick über die Steppe bis zu den Blauen Bergen am Horizont - reizvolle Monotonie in der flirrenden Mittagshitze. Cheers!
Die Gäste der Bilila Lodge haben sich in den letzten Tagen wahrlich nicht gelangweilt. Sie haben aufregende Pirschfahrten im Zauber des Morgenlichts sowie im letzten Sonnenrot erlebt, einen versinkenden Elefanten im happy Hyppo-Pool bemitleidet, den Farbrausch an einem Markttag irgendwo in einem Dorf in der Region Robanda fotografiert, hungrige Kroko-mäuler faul am Oranje-Flussufer gesichtet. Aber der nächste Tag soll den Höhepunkt bringen.


          Konzentriert brettert Isaiah über die flache, staubige Piste der endlosen Grasebenen - das Ausgangstor im Süden der Serengeti ist noch Stunden entfernt! Die Sonne brennt schon früh ohne Milde und zeichnet Schirmakazien messerscharf. Aber es ist noch etwas ganz anderes zu sehen. Es kann nur eine Fata Morgana sein. Nein, es ist die Gala der Serengeti!
           Plötzlich sind wir mit unserem offenen Landy mitten drin, in der schier unüberschaubaren Menge vorwärtsdrängender Gnus, Zebras und Antilopen. Sie fressen, laufen, fressen, laufen, fressen, laufen. Um uns herum, in langen Linien wie Eisenbahnzüge am Horizont, wie Scherenschnitte vor grünen Fieberakazien Endlos-Konvois von Gnus. Das Donnern der Hufe, Momente der Panik: Hautnah erleben wir die weltweit letzte große Wanderung von Wildtieren. Kameras blitzen und zoomen, erfassen kann die überwältigende Migration aber nur das Auge. Das muss man sich mal vorstellen: Zwei Millionen Tiere, acht Millionen Hufe sammeln sich hier alljährlich für ihre 800-km-Wanderung über den Grumeti- und später über den Mara-Fluss hinüber in Kenias Masai Mara - immer auf der Suche nach Wasser und Weideland. Dieses größte Ringelspiel der Natur bleibt unvergessen!

           Und der König der Tiere? Niete mit Mähne, bei Licht besehen. Jagd nicht gern, lässt lieber die Weiber Beute machen und schnappt sich davon den Löwenanteil. Stopp! Ein Prachtexemplar dieser Spezies liegt direkt vollgefressen vor uns am Wegesrand - im Steppengras allerdings kaum auszumachen. Die Schnauze noch blutverschmiert vom letzten Mahl, nimmt er träge, gelangweilt und nur widerwillig von uns Kenntnis. Kurz darauf verschwindet er erhobenen Hauptes und mit stolzer Miene in die Weite der Savanne.         

          Wieder Gänsehaut. Wieder das Gefühl, dieses Ferne, Fremde, die Seele Afrikas, gesehen zu haben, für Sekundenbruchteile. Auch als Michi, ein Mitreisender, zum Abschied Isaiah drückt und ihm „be a good father" ins Ohr flüstert - seine Frau erwartet in einer Woche das erste Baby.   

 

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Service:

Anreise: Zum Beispiel mit Condor (www.condor.com) direkt Frankfurt/M.-Arusha Kilimanjaro Airport in ca. 8 Stunden. Zu empfehlen ist die neue Comfort Class. Transfers vom und zum Flughafen übernehmen die Lodges. - Arusha ist zentraler Ausgangspunkt für Safaris. 50 Minuten Flugzeit bis zum Seronera-Airport/Serengeti, weitere 45 Minuten Autofahrt zur Bilila Lodge.
Beste Reisezeit: Um dem Zug der Gnus zu folgen: Dezember-Juli; um Raubtiere zu beobachten: Juni-Oktober.
Visum: Kann direkt am Airport für 50 Euro beantragt werden. Pass muss mindestens noch 6 Monate gültig sein.
Impfungen: Pflichtimpfungen nein, Malaria-Prophylaxe wird empfohlen.
Unterkunft: Bilila Lodge Kempinski im Norden der Serengeti, eine knappe Flugstunde und 45 Minuten Fahrt von Arusha entfernt. DZ mit Vollpension und Transfer ab 400 Euro (www.kempinski.com/serengeti); The Manor at Ngorongoro-Lodge im kapholländischen Stil, auf 1600 Metern in kühlem Klima gelegen, mit Reitstall, von Kaffeeplantagen umgeben. DZ/VP plus Safari ab 400 Euro/P.; Arusha Coffee Lodge mitten in Tansanias größter Kaffeeplantage in Arusha am Fuße des Mt. Meru; beide unter www.elewana.com;
Alle Lodges und Safari-Pakete sind buchbar unter: www.mavia-reisen.de
Ausflüge: Heißluftballon-Safaris, Felsmalereien der Massai, der Oldonyo-Lengai-Vulkan, Millionen Flamingos am Natron-See.

Näheres: Tanzania Tourist Board - Arusha; e-mail: ttb.infoQhabari.co.tz

Literatur: Tansania mit Safari Guide von Stefan Loose; Bernhard Grzimek: „Serengeti darf nicht sterben", Ullsteinverlag (nur antiquarisch); Kuki Gallmann: „I dreamed of Africa"; E. Hemingway: „Afrikas grüne Hügel" und „Time at first Light".